Thukral & Tagra

Nouveau Riche - at Nature Morte Berlin
January 10 - February 14, 2009
Berlin

coolhunting

Artists Thukral and Tagra by CH Contributor
by Laura Neilson

New Delhi-based artists Jiten Thukral and Sumir Tagra have found themselves at the forefront of a burgeoning Indian art movement that's not only fresh and suddenly noteworthy to Westerners (as well as the rest of the world), but to Indians alike.

The award-winning duo collaborate on an exhaustive range of mediums including painting, sculpture, installation, video, graphic and product design, Web sites, music and fashion. Their vivid, color-charged work typically exhibits a whimsical fascination with consumerism—not unlike Murakami— blurring the lines between fine art and popular culture, product placement and exhibition design, artistic inspiration and media hype. Despite the global nature of consumerism and its prevalent existence, the pair display the subject through a distinctly Indian lens. Given the extremely diverse stratification of Indian classes, lifestyles and the country's economy, the result is a harmonious and beautiful clash of sorts.

In addition to a show at Nature Morte in Berlin, running through 14 February 2009, Thukral and Tagra are currently showing works in the exhibition "The Audience and the Eavesdropper," with nine other influential Indian and Pakistani artists at Phillips de Pury in New York. Their work, "Now In Your Neighborhood," on display at Phillips, explores the issue of mass cultural consumption (pictured above).

The Audience and the Eavesdropper: New Art from India & Pakistan - 28 January through 14 February 2009
Phillips de Pury & Company
450 West 15th Street
New York, NY 10011 map
tel. +1 212 940 1200


artnet

Thukral & Tagra bei Nature Morte Berlin

Die Globalisierung der Geschmacklosigkeit
Dominikus Müller
22. Januar 2009

Thukral & Tagra, „Nouveau Riche", Nature Morte Berlin. Vom 10. Januar bis 14. Februar 2009

Man glaubt es kaum – es eröffnen immer noch Galerien in Berlin. Just gesagt, so stockt einem schon der Atem. So schnell hat sie sich also geändert, die Stimmung. Was vor nicht einmal einem Jahr noch logisch erschien, nämlich eine Dependance an den Ufern der Spree zu eröffnen, das erscheint nur ein paar eisige Wintermonate später wie ein wirtschaftliches Himmelfahrtskommando. Und doch schwemmt der globale Kunstbetrieb immer weitere Glücksritter aus aller Herren Länder in die Brandenburgische Steppe, um den tristen märkischen Sand nach dem Gold des Kunstmarkts zu durchsieben. Zuletzt hatte der Ruf Berlins auch Indien erreicht. Vor noch nicht einmal einem Jahr eröffnete Bodhi Berlin mit Stammsitz in Mumbai Räume an der Spree. Im Herbst folgte mit Nature Morte ein weiterer Import vom indischen Subkontinent. In ihrer zweiten Ausstellung haben die Galeristen aus Neu Delhi nun ihr Tempo gesteigert und versuchen, den trostlosen Berliner Winter und das eisige Investitionsklima mit einer doppelten Portion prall-bunter Trash-Ästhetik auszutreiben.

Denn mit „Nouveau Riche" öffnet das indische Künstlerduo Thukral & Tagra die Türen zu den pompösen Wohnzimmern der indischen Neureichen. Was sie in ihrer ersten Berliner Ausstellung versammeln, ist in Geschmacksfragen gelinde gesagt unterirdisch. Der Titel lässt aber auf einen hohen Grad an Bewusstsein auf diesen Abwegen schließen, die man mit doppelt federnder Ironiedämpfung beschreitet. Im Zentrum des Sturms der Geschmacklosigkeit ist ein als „Punjabi Baroque" bekannt gewordener Baustil zu beobachten, der in den indischen Millionenstädten floriert und gedeiht. Unglaublich wild zusammengewürfelte Bauten entstehen dort. Sie sind pathetisch schwülstig verziert, schmücken sich mit bonbonfarbenen Fassaden und sind überhaupt erst dadurch möglich, dass die zu etwas Geld gekommene indische Mittelschicht ihre Häuser mit einem höchst selbstbewussten und autonomen Gestaltunganspruch errichtete – und damit ungeachtet jeder architektonischer Konvention das ganze globalisiert-disparate Spektrum ihrer Träume von Aufstieg und Reichtum in monströse Unterkünfte goss. Man könnte auch von einer großkotzigen Variante der längst schon zu Tode realisierten Postmoderne sprechen.

Thukral & Tagra nun überbieten diese sowieso schon kruden Auswüchse der indischen Baukultur noch weiter. Sie lassen die baulichen Mittelschichtswucherungen in ihren Öl- und Acrylgemälden auf Wolken aus Blüten durch einen surrealen, bonbonfarbenen Himmel schweben (Dominus Aerius elegance, 5-7, alle 2008). Ergänzt werden diese unglaublich glatt und präzise gemalten Großformate mit einer Reihe kleinerer Portraits junger indischer Männer, die man sich wahrscheinlich als Bewohner der im Blütenschiffchen durch den Himmel dahintreibenden Wolkenkuckucksheime vorstellen muss. Sie posieren mit gestähltem Oberkörper, gepflegter Gesichtbehaarung, Tribal-Tattoos und Turban, billig aussehenden Designer-T-Shirts oder Playboy-Häschen-Halsketten. Eingefasst ist das Ganze in schwülstigen, barocken Oval-Rahmen. Mehr davon?

Das ganze Werkkonvolut kommt zunächst dermaßen glatt und berechnend daher, wie man es sonst allenfalls von Takashi Murakami gewöhnt ist. Doch wo Murakami bis in Louis Vuitton-Sphären vorstößt, verheddern sich Thukral & Tagra mit voller Absicht auf Calvin-Klein-Niveau und erweitern ihre Malerei mit einer Reihe von Wandobjekten (Immortalis 10 (pukta), Immortalis 11 (baseball cap), beide 2008), mit protzig, doch gleichzeitig bieder wirkenden schnörkeligen Wanduhren, bonbonfarbenen Stickern und Sideboards (Papaji Shelf (Artificial Strawberry Flavor), Coming Home (Artificial Strawberry Flavor), beide 2008) in den Raum hinein. Auf diesen Sideboards findet man dann ein atemberaubendes Pandämonium der Geschmacklosigkeit. Großformatige Plastik-Parfüm-Flaschen mit den zu Logos eingeschmolzenen Konterfeis der gerade noch portraitierten neureichen Jungs werden durch Fake-Swarovski-Kristall-Schwäne in leichtem Pink ergänzt und mit geschenkbandumwickelten Modellen von Luxusautos nebst kleinen Fotoaufstellern komplettiert – zwischen ihnen findet sich auch eine Fotografie des brasilianischen Models Gisele Bündchen, einem Fleisch gewordenen Jungmännertraum der globalen Bilder- und Glamourmaschine.

Liegt nicht etwas Anbiederndes in dieser Flachwarenästhetik mit ihrem Markenfetischismus und ihrer Knallfarbenoptik? Ja, mit Sicherheit! Doch andererseits graben sich Thukral & Tagra mit ihrer Ironisierung das eigene Grab, denn die Käuferschicht, die im Punjabi Baroque-Häuschen auch gerne ein wenig Kunst an den Wänden haben möchte, wird ästhetische Brechungen und Volten keinesfalls tolerieren. Aber Halt! Ist die Ironie dieser Arbeiten überhaupt ein gesicherter Befund? Ist die eingewobene Distanznahme nicht ein europäisch-amerikanisches Vorurteil? Und wieso um alles in der Welt sollen wir der indischen Mittelschicht unterstellen, ihr entzögen sich all die feinen Verästelungen künstlerischer Selbstironie und sie sei nicht in der Lage, Thukral & Tagra als weiterverarbeitetes Dekor in ihre Manierismen zu inkorporieren? Hier nun beginnen sie, die Tücken des globalen Kulturaustausches und die Mühen der eurasischen Tiefebene zwischen Neu Delhi und Berlin. Denn Thukral & Tagra liefern beim Kulturexport den Stolperstein gleich mit – und der ist die Ironiefalle selbst.

Wie war das nochmal mit Bollywood? Die indische Mega-Film-Maschine mag florieren und ein Volumen haben, das größer ist als das ihres amerikanischen Namenspatrons, doch im Westen wird die indische Film- und Musicalkultur fern davon durch eine Maske rezipiert: eher als ultimative Glorifizierung von Trash und Kitsch, denn als ernstzunehmende Popkultur, eher als – einmal aus dem eigenen deutschen Volkskultur-Sumpf heraus betrachtet – „Schlager-Party 2.0" unter globalen Vorzeichen. Die Ausstellung bei Nature Morte scheint genau davon zu wissen. So augenzwinkernd, wie sie daherkommt, könnte man ihr unterstellen, sie liefere sich selbst mit vollem Einsatz ans scharf gewetzte Ironie-Messer des Westens. Sie ist so eindeutig als „indisch" zu dechiffrieren, dass es schon fast weh tut. Sie bietet dem amerikanisch-europäischen Auge just das, was es sehen möchte, wenn es sich mit „indischer Kunst" konfrontiert sieht: bonbonbunte Geschmacklosigkeit, Kitsch, Trash und ein wildes Sammelsurium diverser global funktionierender Statussymbole und Aufstiegsfantasien.

Das ist am Ende ein erfolgreich geführter Schlag. „Nouveau Riche" gibt zwar vor, die neureiche indische Mittelschicht zu karikieren. Sie macht aber nicht in deren Wohnzimmern halt, sondern zielt vielmehr auf unsere Imagination davon. Das soll nicht heißen, dass die hier auf die Schippe genommene Aufsteiger-Schicht nicht existierte oder ihr schlechter Geschmack eine bloße Legende sei – das heißt nur, dass Thukral & Tagra klammheimlich alle Bezüge vertauschen. Die Inszenierung des indischen schnellen Geldes findet auf der Bühne des Westens statt. Die Sideboards, mit all ihrem geschmacklosen Nippes und die barocken Uhren, sie hängen in europäischen und amerikanischen Wohnzimmern. Diese Ausstellung erzählt nicht von den lustigen Typen mit langen, aber gepflegten Koteletten und Turban, die in pinken Häusern wohnen und von einer Karriere als Bollywood-Schauspieler träumen – sie erzählt von der Vereinnahmung durch die Zwangsjacke der Ironie. Und sie befreit sich von ihr, indem sie ihr selbst ein kleines hohles Kosmetikspiegelchen vorhält. Soviel Ironie hat man im Westen selten.


Prinz

Januar 2009 / Kompass

**** 1982 wurde die Galerie Nature Morte in New York gegründet, 1997 in Neu-Delhi neu belebt. Mit Bharti Kher oder Subodh Gupta gehören Stars der indischen Kunstszene zu den von der Galerie vertretenen Künstlern. In Berlin gehört Nature Morte noch zu den Neuzugängen der Gelerienlandschaft, nach Bodhi Berlin der zweite weltweit erfolgreiche Spezialist für indische Kunst in der Stadt. Aktuell zeigt Nature Morte Arbeiten des Künstlerduos Thukral & Tagra, die all Genres der Kunst für ihre poppigen Werke nutzen.

Bis 14.2., Nature Morte, Di-Sa 11-18 Uhr, naturemorte.com

English Translation

In 1982 the gallery Nature Morte was founded in New York and in 1997 it was revitalized in New Delhi. With Bharti Kher or Subodh Gupta belonging to stars of the Indian Art Scene, they are just some of the artists represented by the gallery. In Berlin, Nature Morte belongs to the new members of the gallery scene. After Bodhi Berlin, Nature Morte is the second successful international specialist for Indian art in the city. Currently Nature More is showing work from the artist duo Thukral & Tagra who use all genres of art for their trendy work.

Show runs until February 14th. Nature Morte. Tuesday - Saturday 11am to 6pm.


Rundfunk Berlin-Brandenburg

STILBRUCH vom 15.1.2009
Kulturtipps

-Thukral und Tagra in der Galerie „Nature Morte"
-ein Buch über das alte Hansa-Viertel
-Fotografien von Ali Kepenek

Ausstellung in der Galerie „Nature Morte"

Die indische Galerie „Nature Morte" had vor kurzem in der Nähe vom Checkpoint Charlie eine Berliner Dependance eröffnet und zeigt, logischerweise, jung Kunst aus Indien. Genauer gesagt wird hier Kunst von Thukral und Tagra geeigt, einem Künstlerduo aus Neu-Delhi. Die beiden treiben die Architketur- und Einrichtungsmacken der neureichen Inder in ihren Installationen und Bildern auf die Spitze. Ihr ironischer Umgang mit diesem so genannten „Punjabi Barock" hindert sie allerdings nicht daran, selber in so einer Zuckergussvilla zu wohnen.

Ausstellungsinformation:

Nouveau Riche
Von Thukral & Tagra
Vom 10.01 bis 14.02.2009
Galerie Nature Morte Berlin
Zimmerstr. 90-91
10117 Berlin
Tel.: 030 206 548 77


die tageszeitung

Tazplan
14.01.2009

NATURE MORTE
Nouveau Riche

Es ist ja noch so, als hätte man nicht ohnehin ein Bild von Indien, geprägt von knallig bunten Farbarrangements und – vorsichtig gesagt – lebhaftem Treiben. Das Künstlerduo Thukral & Tagra aus Neu-Delhi schafft es allerdings, das noch zu toppen: Villen der indischen Neurichen im „Punjabi Baroque", einem ästhetischen Wirrwarr, eingefasst in Zuckerbaukunstglasur, schweben auf Blütenwolken über die Leinwände. Ihnen gegenüber finden sich auf Schokosaucenflaschen, Aufklebern und goldenen Rahmen Porträts von Migranten, die mehr oder weniger erfolgreich ihren Weg in die USA antraten. Welch ein Abflug!
MJ

Bis 14. Februar, Di-Sa 11-18 Uhr, Zimmerstr. 90/91